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Bergsteigen- Ogre

Poker am Ogre Ogre – ein baltisches Wort für Ungeheuer. Wenn er in seinem Hexenkessel rührt und die Wolken ihn verhüllen, wird es nicht nur den Einheimischen unheimlich zumute. Viele Expeditionen sind an ihm gescheitert – Thomas Huber, Urs Stöcker und Iwan Wolf haben ihn bezwungen.
Paragliding Artikel aus Zeitschrift ,Bergsteigen- Ogre 13.7.1977 – Erwachen
Doug Scott und Chris Bonnington stehen als Erste auf dem 7285 Meter hohen Gipfel des Ogre. Der Abstieg wird zur Odyssee. Im Pendelquergang unterhalb des Gipfels knallt Scott in eine Verschneidung und bricht sich beide Fußknöchel. Das Wetter verschlechtert sich, Bonnington bricht sich beim weiteren Abstieg die Rippen. Sie kämpfen und erreichen sieben Tage später den sicheren Gletscher. Dem Schlund des Ogres noch knapp entkommen.

1978 bis 2000 – Wachstum
Mehr als zwanzig Expeditionen versuchen dem Ungeheuer auf den Leib zu rücken, und den Kopf zu besteigen, doch sie scheitern alle. Der Respekt der Bergsteiger wächst und der Ogre somit auch.

1.1.2001 – Das Team
Beim Neujahrsfest fragt mich Iwan, ob ich nächsten Sommer Lust und Zeit hätte, mit zum Ogre zu fahren. Sie seien zu zweit und suchten noch einen Dritten. Ich bin Feuer und Flamme. Einen Monat später treffe ich Thomas und Iwan in Zürich. Wir verstehen uns auf Anhieb.

April 2001 – Andrang
Obwohl Thomas Anfang November 2000 neben dem Permit für den Ogre die mündliche Zusage bekam, dass wir die Einzigen auf der Südseite bleiben würden, bekommen zwei weitere Expeditionen die Genehmigung, den Ogre zu besteigen: Silvo Karo und Hans Kammerlander. Beide wollen über die sichere Südpfeiler-Route zum Gipfel. Schon um das Risiko zu minimieren, will unser Expeditionsleiter Thomas mit allen kooperieren. Silvo Karo mit seinem Team will keinen Wettkampf am Berg und versucht den Ostpfeiler. Doch zwei Amerikaner lösen sich von seiner Gruppe und beharren auf den Südpfeiler. Hans Kammerlander fasst daher die Route von Scott/Bonnington ins Auge. Am Ende sind zwei Expeditionen mit insgesamt fünf Bergsteigern auf der gleichen Route. Das könnte Probleme geben. Wir besorgen uns das Permit für einen zweiten Gipfel – den Ogre III, 6900 Meter hoch, sieht aus wie eine Toblerone und ist noch unbestiegen.

27.5.2001 – Start
Ich sitze im Zug zum Flughafen München. Blick nach vorn. Habe alles hinter mir gelassen: Freundin, ein angefangenes Semester, leere Prüfungszulassungen, leere Bankkonti, Freunde. Thomas kommt kurz vor dem letzten Einchecktermin. Zwanzig Stunden später sind wir in Rawalpindi. 40 Grad im Schatten.

1.6. bis 7.6.2001 – Anmarsch
Nach drei Tagen Marsch erreichen wir mit 47 Trägern das 4400 Meter hohe Basislager. Dort sind schon seit einer Woche die Amerikaner unter Hans Johnstone und die Gruppe von Hans Kammerlander.

10.6.2001 – Rückzug
Iwan und Thomas sind am Morgen vom Lager 1 auf 5000 Meter am Fuß des Ogre losgezogen, um das Einstiegscouloir abzusichern. Wenig später eilen die Amerikaner hinterher. Ich ahne Schlimmes. Seit unserer Ankunft im Basislager haben die Burschen unsere Taktik kopiert. Um 14 Uhr kommen alle gemeinsam herunter. Nachdem sie die Problematik im Couloir mit den Amerikanern besprochen haben, sind Iwan und Thomas der Meinung, dass wir uns vorerst auf den Ogre III konzentrieren sollten. Die Entscheidung ist so hart wie vernünftig. Wir räumen das Feld, lassen aber den Großteil des Materials im Lager 1, damit wir es bei einem späteren Versuch nicht mehr hochschleppen müssen. Denn wir werden wiederkommen. Unten im Basislager gibt es lange Diskussionen. Ist die Entscheidung richtig?

26.6.2001 – Neubeginn
Der Wetter könnte nicht besser sein. Den unteren Gletscher kennen wir schon von zwei Materialtransporten auf 5000 Meter, was die bis zu 80 Grad steile Eiskletterei nicht leichter macht. Am Materialdepot beladen wir die Rucksäcke und steigen in das 1000 Meter hohe und bis zu 60 Grad steile Schneecouloir ein. Eine Schinderei, die an Kräften und Nerven zehrt. Es folgt ein 300 Meter langer und überwächteter Grat, den wir hüfttief im Schnee spuren müssen. Um 15 Uhr kommen wir ziemlich geschafft im Lager 1 auf 6000 Meter an.

28.6.2001 – Abfuhr
Nach zwei Tagen schwierigster Kletterei über 6000 Meter, in eisiger Kälte, Fels und Eis – die Hiobsbotschaft. Zu wenig Gas und Fixseile. Wir müssen hinunter. Trotz schönstem Wetter.

29.6.2001 – Runter und rauf
Um ein Uhr morgens erreichen wir das Basislager, wo wir mit Schrecken feststellen müssen, dass wir uns um einen Tag verrechnet haben. Es ist schon Freitag, und das gute Wetter soll laut Wetterbericht nur bis Sonntag halten. Für den Ogre III brauchen wir aber drei Schönwettertage. Sollten wir zurück an den Ogre gehen? Nach drei Stunden Diskussion beschließen wir, am Ogre III zu bleiben. Vielleicht haben wir Glück...

30.6.2001 – Durchgestartet
Aufbruch um zwei Uhr Nachts – nochmals dieses Schindercouloir. Reiner Masochismus! Wir sind so gefrustet, dass wir das Couloir in der Hälfte der bisher benötigten Zeit durchsteigen und schon um acht Uhr im Lager 1 ankommen. Nicht weniger flott geht es weiter, und am Abend haben wir den verlorenen Tag wieder aufgeholt. Alle sind davon überzeugt, morgen eine reelle Chance auf den Gipfel zu haben.

1.7.2001 – Der erste Höhepunkt
Schon bei Tagesanbruch um 4.30 Uhr erreichen wir das Ende der Fixseile. Schwierige Mixedkletterei auf 6600 Meter in teils zweifelhaftem Fels und Wühlarbeit in hüfttiefem Schnee, führen hinauf zum Gipfeleisfeld. Die letzten zwanzig Meter werden zur härtesten Prüfung – haltloser, zermürbend tiefer Schnee in einem 50 Grad steilen Hang. Thomas gräbt sich Meter um Meter hoch, einen halben Meter tiefen Graben in den Hang buddelnd. Um 14 Uhr steigen wir alle gemeinsam die letzten Meter zum Gipfel. 6900 Meter, bis jetzt unbestiegen. Die Freude ist groß. Das erste Ziel ist erreicht. Doch hinter uns wartet der Ogre.

3.7. bis 6.7. 2001 – Erholung
Erholung im Basislager, bei schlechtem Wetter. Die Amerikaner steigen unverrichteter Dinge ab, und überlassen uns den Südpfeiler am Ogre. Endlich können wir ungestört angreifen.

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Paragliding Artikel aus Zeitschrift ,Bergsteigen- Ogre

Trekkers World
7.7.2001 – Das Wiedersehen
Wieder mitten in der Nacht aufstehen, essen und den dunklen Gletscher hinauf stolpern. Um sieben Uhr kommen wir zum Lager, wo die vor einem Monat deponierten Sachen liegen. Um 16 Uhr erreichen wir den Grat, der zum ersten Lager auf 5900 Meter führt. Doch für heute lassen wir’s bleiben, fixieren die Seile in direkter Linie nach unten und sind kurz vor Einbruch der Dunkelheit im abc-Lager.

8.7.2001 – Die Arbeit
Schleppen und Material hochjümarn ist physisch oft härter als vorsteigen. Iwan und ich erreichen das Lager 2 um 14 Uhr. Nach kurzer Pause sichere ich Iwan noch einen Teil der nächsten Seillänge, um die letzten Meter des Kletterseils zu fixieren. Gegen Abend seilen wir ab und verbringen die Nacht im abc-Lager.

9.7.2001 – Die Abfuhr
Es schneit wider Erwarten. Wir brechen trotzdem auf, um noch persönliche Sachen und Schlafsäcke ins Lager 1 zu bringen. Die ersten Staublawinen fegen über den Pfeiler und wir entscheiden am Ende des Einstiegs-couloirs, den Transport abzubrechen und das Material zu deponieren.

10.7. bis 17.7.2001 – Warten
Wir warten auf mindestens vier Tage schönes Wetter mit wenig Wind. Am ersten Wochenende gibt es ein Zwischenhoch, doch kurz vor Abmarsch um zwei Uhr früh disponieren wir um – wegen einem unguten Gefühl von Thomas – und bleiben im Basislager. Gute Entscheidung, denn am nächsten Nachmittag gibt es heftige Gewitter.

18.7.2001 – Die Hartnäckigkeit
Der Wetterbericht prophezeit eine viertägige Wetterberuhigung. Als wir das Basislager um drei Uhr verlassen, ist der Himmel jedoch bedeckt, im abc-Lager beginnt es zu schneien. Wir warten in einer Gletscherhöhle. Wenn es weiterhin schneit, können wir einpacken. Nach zwei Stunden reißt es auf, doch wir kommen nicht weit auf dem frisch verschneiten Gletscher. Die Sonne bricht nun durch, Neuschneerutsche drohen. Nach längerer Diskussion beschließen wir den weiteren Aufstieg – vorausgesetzt, dass wir die Fixseile unter dem Schnee finden. Der Zustieg zu ihnen ist ein Kapitel für sich. Thomas gräbt vorne im eineinhalb Meter hohen Pulverschnee, Iwan schiebt ihn von hinten. Mit etwas Glück findet Iwan die Seile. Rund um uns lösen sich dauernd Lawinen. Als wir im Lager 1 ankommen, haben sie das ganze Einstiegscouloir wieder blank gefegt. Wir stellen das Portaledge auf und kochen. Der Gipfel ist wieder näher als vor ein paar Stunden.

19.7.2001 – Der Fortschritt
Perfektes Timing. Es ist blendendes Wetter, und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen erreichen uns kurz nach dem Aufbruch. Nach einer äußerst harten Aufwärmseillänge im oberen sechsten Grad kommen wir zügig durch das darüber liegende Verschneidungssystem. Schon um 14 Uhr erreichen wir Lager 2 auf 6300 Meter. Thomas und ich steigen noch zwei weitere Seillängen hoch, während Iwan das Lager herrichtet. Der Quergang direkt über uns scheint die Krux des oberen Pfeilers zu werden: UIAA 7. Die Nacht wird endlos. Wir haben zu Hause unser 2er Portaledge für drei Personen umgebaut. 20 cm stehen mir zur Verfügung, mit dem Kopf neben den Füßen der anderen. Es ist unmöglich zu schlafen. 20.7.2001– Den Pfeiler im Kopf Um vier Uhr werden wir erlöst. Es geht weiter. Über leichtere Seillängen erreichen wir das Ende des Granits. Der folgende Schneegrat bis zum Lager 3 auf 6500 Meter ist länger und anstrengender als erwartet. Trotzdem sind wir gegen Mittag am Lagerplatz. Nach einer Pause gehen Iwan und ich weiter, um die herauf transportierten 180 Meter Seil über die anschließenden vereisten und diffizilen Platten zu fixieren. Um 16.30 Uhr sind wir am Ende unserer Seile und am Anfang des Gipfeleisfeldes. Der Schnee scheint nicht schlecht zu sein, die Zuversicht wächst. Wir seilen zu Thomas ab, erzählen von der Qualität des Schnees und unserem Optimismus. Werden wir es schaffen? Der Berg hat schon so viele abgeworfen. In meinem Kopf jagen sich Zuversicht und Zweifel im Kreise.

21.7.2001 – Dem Himmel nah
Der Wind hat sich in der Nacht verstärkt und peitscht gegen das Zelt. Sollen wir wirklich angreifen? Keiner sagt ein Wort. Schließlich raffen wir uns auf, essen ein wenig und verlassen um zwei Uhr das Lager. Die Spurarbeit durch das 500 Meter hohe Gipfeleisfeld ist mühsam. Manchmal sinken wir bis zu den Hüften ein. Bei Tagesanbruch überwinden wir die erste Felsbarriere. Nach einem Schneefeld beginnt der felsige Gipfelaufbau. Höhe 7000 Meter. Der Wind wird zunehmend stärker. Dadurch sinkt die Temperatur auf subjektive -20°C. Die Getränke in den Rucksäcken erstarren zu Eis. Thomas führt nun bis auf den Gipfel, Iwan sichert und ich komme mit einem etwas schwereren Rucksack nach. Da gilt es lange Wartezeiten in enormer Kälte auszustehen. Bei Thomas treten plötzlich Probleme mit dem linken Auge auf. Er beißt sich durch und klettert drei Felslängen mit einem Pendelquergang im Schwierigkeitsgrad 6 A2 mit Mono-Sicht. Der Menschenfresser knabbert an uns allen.Längst ist uns klar: die Erstbesteigung von Scott und Bonnington, war eine der größten Leistungen in der Alpingeschichte. Kaum vorstellbar, diesen Gipfelaufbau ohne Friends, nur mit Haken und abgesägten Rohren zu klettern. Überglücklich stehen wir dann um 15.30 Uhr – als erste menschliche Besucher nach 24 Jahren – auf dem Gipfel. Der Wind treibt uns die Wolken entgegen – wie im Flugzeug. Nein, wie im Himmel. Ein langer Traum ist in Erfüllung gegangen.

Epilog


Warum wir’s geschafft haben und die anderen nicht? Sicherlich, das Wetter und die Wettervorhersage, die Taktik und die Schnelligkeit. Zudem hatte – wegen der perfekten Akklimatisation durch den Ogre III – keiner Probleme mit der Höhe. Kurzum: Es hat alles gepasst wie in einem Puzzle.

Bilder: Thomas Huber, thomas@huberbuam.de
Text: Urs Stoecker

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